Für Ende April 2026 planen wir eine Protestaktion vor dem Kultusministerium in München, um auf die Probleme rund um Sitzenbleiben aufmerksam zu machen (voraussichtlich 30.4.).

Sitzenbleiben abschaffen – weil es nicht hilft
Sitzenbleiben gilt in Bayern noch immer als selbstverständliches Mittel im Schulsystem.
Doch Forschung, internationale Vergleiche und die Erfahrungen von Schüler*innen zeigen ein klares Bild: Es löst keine Probleme – es verschärft sie.
Deshalb sagen wir: Schluss mit Sitzenbleiben.
Die Lage in Bayern
Im Schuljahr 2023/2024 mussten rund 40.000 Schüler*innen in Bayern eine Klasse wiederholen.
Das entspricht etwa 3,5 % – und liegt damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt von rund 2,2 %.1
Bayern gehört damit weiterhin zu den Bundesländern mit den höchsten Wiederholerquoten.
Das ist ein strukturelles Problem.2
Hohe Kosten – wenig Wirkung
Sitzenbleiben ist nicht nur pädagogisch fragwürdig, sondern auch wirtschaftlich ineffizient:
- Deutschlandweit entstehen jährlich Kosten von knapp einer Milliarde Euro.3
- Für Bayern wurden bereits rund 440 Millionen Euro pro Jahr geschätzt.4
Diese Mittel könnten gezielt in individuelle Förderung investiert werden – mit deutlich größerer Wirkung.
Was die Forschung zeigt
Die Studienlage ist eindeutig:
Bertelsmann Stiftung (Klaus Klemm)
Sitzenbleiben ist „teuer und unwirksam“ und führt nicht zu nachhaltigen Leistungsverbesserungen.
OECD / PISA
Bildungssysteme mit vielen Wiederholungen schneiden tendenziell schlechter ab.
Sie zeigen geringere Leistungen, negativere Einstellungen zur Schule und höhere Abbruchrisiken. Systeme mit weniger Sitzenbleiben sind hingegen häufig leistungsstärker und gerechter.5
Hattie-Studie
Klassenwiederholungen haben keinen positiven langfristigen Effekt.
Individuelle Förderung wirkt deutlich stärker.6
Internationale Vergleiche (bpb)
Weniger Sitzenbleiben bedeutet nicht schlechtere Leistungen – oft sogar gerechtere und erfolgreichere Systeme.
Deutschland gehört zugleich zu den Ländern mit vergleichsweise häufigem Sitzenbleiben.7
Auswirkungen auf Schüler*innen
Psychologisch
Geringeres Selbstwertgefühl, Gefühl des Scheiterns, Stigmatisierung und sinkende Motivation.
Sozial
Verlust des bisherigen Freundeskreises und schwierige Integration in neue Klassen.
Schulisch
Kaum langfristige Leistungsverbesserung, dafür ein erhöhtes Risiko für Schulabbruch.
Individuelle Folgen
Späterer Einstieg ins Berufsleben und langfristige Nachteile für den eigenen Bildungs- und Berufsweg.
Gesellschaftliche Folgen
Verstärkung sozialer Ungleichheit – besonders betroffen sind Schüler*innen aus benachteiligten Familien.

Was Expert*innen sagen
Klaus Klemm (Bildungsforscher)
Sitzenbleiben ist teuer und ohne nachhaltigen Nutzen.3,8
Miriam Vock (empirische Bildungsforschung)
Sitzenbleiben bringt keinen nachhaltigen Effekt für die Lernentwicklung.9,10
Die gemeinsame Einschätzung:
Sitzenbleiben gilt heute als pädagogisch überholt und sollte durch gezielte Förderung ersetzt werden.
Unser Fazit
Die Fakten sind eindeutig:
- hohe Kosten
- geringe Wirksamkeit
- nachweislich negative Folgen
- internationale Studien sprechen klar dagegen
Ein modernes Bildungssystem setzt auf frühe, gezielte Förderung – nicht auf Maßnahmen, die Probleme nur verschieben statt lösen.
Unsere Forderung
Wir als Bayerische Schüler*innenbewegung fordern ein Schulsystem, das individuell unterstützt statt aussortiert.
Sitzenbleiben ist keine Lösung, sondern ein Symptom eines Systems, das zu spät reagiert.
Schluss mit Sitzenbleiben.
Lösungen
Ein modernes Bildungssystem setzt nicht auf Wiederholung, sondern auf gezielte Unterstützung im richtigen Moment.
Frühe und individuelle Förderung
Lernprobleme müssen früh erkannt und gezielt aufgefangen werden – bevor sie sich verfestigen.
Flexible Lernwege statt Gleichschritt
Schüler*innen lernen unterschiedlich schnell. Unterricht muss das berücksichtigen – nicht alle über einen Kamm scheren.
Mehr Zeit und Unterstützung statt Rückschritt
Förderstunden, Lernbegleitung und individuelle Unterstützung helfen mehr als ein ganzes Jahr zu wiederholen.
Vielfältige Formen des Lernens und Prüfens
Projektarbeit, Präsentationen und kontinuierliches Feedback fördern nachhaltiges Verständnis statt kurzfristigem Auswendiglernen.
Vertrauen statt Druck
Lernen gelingt besser in einem Umfeld, das Sicherheit gibt – nicht Angst erzeugt.
Konkrete Beispiele, wie das umgesetzt werden kann, findest du auf unserer „Lösungen“ Seite.
Dort zeigen wir Schulen wie die Alemannenschule Wutöschingen und die Eichendorffschule Erlangen, die bereits heute mit fairen, individuellen und lernförderlichen Formaten arbeiten.
Quellen
- Welt – Sitzenbleiben abschaffen? Was dagegen spricht und was dafür
- News4Teachers Magazin – Zehntausende Schüler müssen Schuljahr wiederholen – Fleischmann: Schluss damit!
- Bertelsmann Stiftung – Klassenwiederholungen teuer und unwirksam
- BLLV – Pädagogisch fragwürdiges Ritual
- OECD – Education at a Glance 2025 > Chapter B2. How do different education systems shape student pathways in primary and lower secondary education?
- News4Teachers Magazin – 15 Jahre Hattie-Studie: Warum Sitzenbleiben mehr schadet als nützt (aber bis heute in Deutschland vielen als unverzichtbar gilt)
- bpb – Wer ist schonmal sitzengeblieben? Klassenwiederholung weltweit
- detektor.fm – Sitzenbleiben – heilsamer Schock oder K.O. in der Schullaufbahn?
- Table.Briefings – Unterrichtsforscherin Vock: „Sitzenbleiben bringt einfach nichts“
- Radio FFH – Warum Sitzenbleiben nichts bringt und welche Alternativen es gibt